Leserbrief wg. Eigenanzeige / Ich möchte mitnichten auf meine Zeitung verzichten

Halle: „Mit Interesse habe ich gelesen, dass „meine“ Tageszeitung immerhin noch von etwa einer halben Million Menschen direkt gelesen wird“, schreibt Arno Keck als Reaktion auf eine Eigenanzeige der Mitteldeutschen Zeitung. Und weiter: „Wenn auch die Zahl der Online-Leser zehnmal größer ist, ist es doch ein Zeichen dafür, dass die Zeitung noch immer gern in die Hand genommen wird.“ Seine Haltung dazu hat Arno Keck in Knittelversen niedergeschrieben. Der Leserbrief wurde am 1. September 2016 in der Mitteldeutschen Zeitung veröffentlicht:

Eigenanzeige Mitteldeutsche Zeitung
Eigenanzeige Mitteldeutsche Zeitung

"Die Zeitung zu lesen, sagen die Leute,
sei unmodern für uns Menschen von heute;
heut' müsse man, um mit der Zeit zu gehen
den Trend zur vernetzten Gesellschaft verstehen
und immer und ständig, an jeder Stelle
sich online halten - für alle Fälle.
Nun möchte ich heute und morgen mitnichten
auf meine gewohnte Zeitung verzichten
ich möchte gemächlich die Seiten wenden
mit Druckerschwärze – na gut - an den Händen
und möchte, bei ständig wachsendem Wissen
das freundliche Rascheln der Blätter nicht missen.

Ich richte den Blick auf die ganze Welt,
was sie zerstört, wer sie erhält,
ich lese von Sport und Politik,
ich lese von Glück und Missgeschick,
ich lese, was die Königin denkt,
na gut, na ja, geschenkt, geschenkt,
und sehe mit einem neuen Hut
die junge Prinzessin, geschenkt, na gut,
ich lese, wer heiratet wen und wie oft
und wer wird geschieden, nicht unverhofft,
ich lese und freue mich wie ein Stint,
dass andere auch nur Menschen sind
und wenn ich zum Ende gekommen bin
bring ich die Zeitung zur Tonne hin.

Mein Dank gilt all denen, die sich bis zum Morgen
erst inhaltlich um meine Zeitung sorgen,
die dann an Maschinen mit fleißigen Händen
geschickt die äußere Ansicht  vollenden
um schließlich von Haustür zu Haustür zu eilen
und, trotzend dem Wetter, die Zeitung verteilen."

Arno Keck