Worte wie Peitschenhiebe / Du bist nichts. Der Staat ist alles.

Abtransportiert und gefangen – die Willkür eines Staates gegenüber seinen Bürgern. Die Gedenkstätte Berlin–Hohenschönhausen zeigt, wie DDR-Geschichte erfahrbar wird.

Von Carola Becker

Ich schreckte hoch. Ein lautes schepperndes Krachen. Der schwere Eisenriegel wurde umgelegt. Das Geräusch hallte wider von den kahlen Wänden um mich herum und verstärkte sich in meinem Kopf. Ich zitterte. Das Licht ging an. Gleich würde sich die Tür öffnen, dachte ich. Was wollen sie diesmal? Holt man mich zum Verhör? Werde ich weggebracht?

„Das Geräusch des Türriegels beim Öffnen der Zellentür verfolgte mich noch Jahre nach meiner Entlassung“, erklärt Peter Rüegg weiter die Szene, die er so immer wieder im Untersuchungsgefängnis der DDR-Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen erlebt hatte. Der kleine ernste Mann steht jetzt vor uns, der Besuchergruppe im ehemaligen Untersuchungsgefängnis der DDR-Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen. Er führt uns durch das Haus seiner ehemaligen Peiniger. 18 Monate verbrachte er hier und in Potsdam in Untersuchungshaft. Zu sieben Jahren Zuchthaus wurde er verurteilt, weil er sich über die „bewaffneten Organe“ der DDR eine eigene Meinung gebildet und diese auch geäußert hatte. Heute ist das Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen, in das man ihn einst mit einem Transporter brachte, eine Gedenkstätte.

Wer sich als Berlin-Tourist auf den Weg nach Hohenschönhausen macht, fährt zurück in die DDR-Vergangenheit und erhält einen tiefen Einblick in diesen sozialistischen Staat und seine Ungerechtigkeiten. Irritierend schon der erste Anblick, wenn man in die Genslerstraße einbiegt: graue Mauern und Wachtürme, Stacheldraht und dicke Eisentüren. Mitten im Nordosten Berlins scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Doch anders als zu DDR-Zeiten ist heute der Komplex nicht mehr weiträumig abgesperrt. Das Viertel war damals auf Stadtplänen nicht eingezeichnet. Es war ein verbotener Stadtteil, in dem die Staatssicherheit ihr berüchtigtes Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen betrieb. Ein massives Eisentor und ein fahrbares Innengitter bilden noch heute den Eingang, der früher das Untersuchungsgefängnis hermetisch von der Außenwelt abriegelte. Als das Gefängnis noch in Betrieb war, öffnete sich immer nur ein Tor: erst das an der Straße, und dann – nachdem der einfahrende Wagen es passiert hatte und es wieder geschlossen worden war – das zweite Tor zum Innenhof. Niemand sollte aus Hohenschönhausen entkommen und es gibt keinen Fall, dass es irgendjemand geschafft hätte, so schreibt Robert Ide im kleinen Informationsheft der Gedenkstätte.

Oft überfallartig festgenommen, nicht selten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen wurden Menschen in Transportern hier hergebracht. Angekommen, warf man den Festgenommenen eine Decke über den Kopf. Sie sollten nicht sehen, wo man sie hingebracht hatte. Sie wurden registriert, mussten sich ausziehen, um sich einer Leibesvisitation zu unterziehen. Sie bekamen alte, zerschlissene Kleider an und wurden in die dunklen Zellen geführt. „Wir sahen aus wie die Vogelscheuchen“, erinnert sich Peter Rüegg und führt uns in den Keller des Gebäudes. Dort machen wir Halt. Wir stehen am Anfang eines langen Flures. Es herrscht eine konzentrierte, gespannte und aufmerksame Stimmung in der Gruppe. Die Worte von Peter Rüegg und der niedrige Kellergang mit seinen unwirtlichen Zellen versetzen uns in die Vergangenheit von Menschen, deren aussichtslose Lage wir wohl nie werden nachempfinden können. Peter Rüegg hilft uns, wenigstens eine Ahnung von den Dramen zu bekommen, die sich hier unten zu DDR-Zeiten abspielten.

Er war, als man ihn 1959 festnahm, 25 Jahre alt. Bei der Grenzpolizei hatte er den Dienstgrad eines Leutnants erlangt. Als Mitglied der SED glaubte er an die „neue Gesellschaftsordnung“, die man ihm und vielen anderen versprochen hatte. Der 2. Weltkrieg war noch nah und hatte bei Peter Rüegg die Einsicht hinterlassen, dass sich solche Gräueltaten wie unter Adolf Hitler niemals wiederholen dürften. Er verstand sich als Antifaschist. Als man ihn plötzlich abholte und zu Verhören nach Hohenschönhausen brachte, wusste er nicht warum. Was hatte er verbrochen? Keiner sagte ihm den Grund. Er wurde einfach mitgenommen und eingesperrt. Erst viel später wurde ihm klar, was man aus einem Satz, den er mal geäußert hatte, jetzt machte. „Ich hatte mal Kritik an der Disziplinlosigkeit in der DDR-Armee geübt und gefragt, wie man das wohl bei der Wehrmacht gehandhabt hätte. Das reichte, um aus mir einen Faschisten zu machen“, erklärt uns Rüegg. Wir hören betroffen zu, wie durch diese Frage an seinen Hauptmann, dessen Erwiderung, dass damals ein Unteroffizier für „Ordnung“ gesorgt hätte und Rüegg‘ s Kommentar, dass dann wohl ein Unteroffizier in der Wehrmacht „mehr zu sagen gehabt hätte als heute ein Hauptmann“ eine Maschinerie in Gang kam, die eine Verurteilung zu 7jähriger Haft „wegen Schädlingstätigkeit“ zur Folge hatte.

Wie kompliziert sein Fall tatsächlich war, erfahren wir erst bei der weiteren Führung: Die Staatssicherheit plante zur Abschreckung anderer Kritiker einen Schauprozess mit ihm, zeitweilig wurde sogar die Todesstrafe gefordert. Die Verhöre waren nur auf ein Ziel gerichtet, man wollte ihn schuldig sprechen. 44 Monate saß er schließlich in den Zuchthäusern der DDR. Erst als Rüegg nach der Wende seine Akten einsehen durfte, konnte er alle Puzzleteile seines Falles zusammenfügen. Aus seinen Akten erfuhr er auch, dass Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit in der DDR, die Todesstrafe ablehnte. „Allerdings nicht, weil er die Ungerechtigkeit erkannte“, erklärt Rüegg. „Man wollte damals keine Toten. Die Mauer sollte gebaut werden, das wusste Mielke. Da würde es noch genug Tote geben.“ Und so musste Rüegg unschuldig Jahre im Arbeitslager überstehen, bevor er ins Leben zurück durfte. „Wie konnten Sie nach Ihrer Entlassung in der DDR weiterleben - nach diesen Erfahrungen?“, fragt ein Besucher. Rüegg überlegt lange, bevor er antwortet: „Ich war gebrochen, als ich rauskam. Ich hatte keinen Mut und keine Kraft für eine Flucht. Ich wollte nur ein normales und ruhiges Leben führen. Auch wenn mir klar war, dass ich immer unter Beobachtung stand.“

Unsere Tour geht weiter. Keine Minute wollen wir von den Erzählungen Peter Rüegg‘ s verpassen. Zu spannend und unfassbar ist, was wir hören. Wir gehen durch die langen Gänge im Keller. Rechts und links sehen wir die grauen Zellentüren. Kleine „Spione“ erlaubten den Wachmännern, die Gefangenen jederzeit zu beobachten. Kein Tageslicht dringt in diesen Keller – dem „U-Boot“. So nannten die Häftlinge diesen langen Flur, von dem die winzigen Zellen abgehen, die Kerkern gleichen: Eine Holzpritsche für vier Menschen, ein Eimer für die Notdurft, kein Fenster und wenn doch, wie bei einigen Zellen, nur kleine Löcher mit dicken Milchglasklötzen. Oben an der Decke eine winzige Lüftung. Unser Begleiter bittet uns in eine Zelle. Eng nebeneinander stehen wir in diesem Loch aus vier Wänden und verspüren Beklemmung. Wie mag das wohl gewesen sein damals? Tagaus, tagein hier eingesperrt. Zwei Blätter Toilettenpapier für jeden Häftling am Tag. Eine Waschschüssel mit kaltem Wasser, die für alle in einer Zelle reichen musste. Die Wände dick, so dass kein Schreien, kein Stöhnen nach draußen dringt. Auf den Gängen, die, wie Rüegg erzählt, mit dicken Läufern ausgelegt waren, die Posten. Man hörte sie nicht kommen. Sie trugen Filzpantoffel. Den ganzen Tag nur spärliches Licht durch eine einzelne, schmutzige Deckenleuchte. Nachts wechseln sich Licht und Dunkelheit ab. Die Posten wachen und beobachten, „damit sich keiner umbringt, bevor er ausgesagt hat“, erklärt Peter Rüegg. Frische Luft gab es täglich nur 20 bis 30 Minuten. Die Freiganghöfe, vier mal zehn Meter groß und umschlossen von vier Meter hohen Steinwänden und oben mit Gitter und Stacheldraht abgeriegelt, hießen bei den Häftlingen „Tigerkäfige“. Die Posten hatten auch hier von einem Podest aus alles im Blick. „Und trotzdem“, so erinnert sich unser Begleiter, „der Himmel über uns gab uns Hoffnung. Und einmal fand ich einen kleinen Tannenzweig im Hof. Ich schmuggelte ihn in meine Zelle. Doch anderntags war er verschwunden.“

Nachdem wir vom Keller wieder hochgestiegen sind, schauen wir uns den Trakt an, der ab den sechziger Jahren genutzt wurde. Hier sind die Zellen etwas „komfortabler“. Es gibt Fenster, Heizung, Waschbecken und Toiletten. Die DDR wollte die Anerkennung als Staat und bemühte sich, wenigstens die Mindeststandards der Menschlichkeit zu gewährleisten. Doch wie schon in den Kellerverliesen galt auch hier: kein Gefangener soll wissen, wer in den anderen Zellen sitzt. Namen waren tabu. Wenn jemand zum Verhör geführt wurde, leuchtete eine rote Lampe in den Fluren, damit die anderen Bewacher wussten, dass jemand auf dem Gang war. Isolation war ein wesentliches Element, mit dem man versuchte, die Gefangenen zu zermürben.

Nach den Zellen gelangen wir wieder zu endlos lang erscheinenden Fluren. Flure wie Schluchten mit Verhörräumen auf mehreren Etagen. Hier kann man die DDR noch riechen. Die Böden, die Wände, die Möbel und Gardinen, sie dünsten noch immer den Mief einer einengenden Welt aus. Und so entfährt es einem Besucher: „Der Geruch kommt mir bekannt vor.“ In diesen Zellen und Verhörräumen saßen Ausreisewillige, Dissidenten, Schriftsteller wie Jürgen Fuchs, der Philosoph Rudolf Bahro oder die Künstlerin Bärbel Bohley. Nach der Wende lernte auch Erich Mielke „sein“ Untersuchungsgefängnis kennen. Aber, wie Rüegg berichtet, saß er nur kurz hier ein: „Er beschwerte sich über den geringen Komfort und die schlechten Zellen. Schließlich verlegte man ihn nach Westberlin“, kommentiert Rüegg trocken und ergänzt nach einer kurzen Pause nachdenklich: „Richtig zur Rechenschaft ist er eigentlich nicht gezogen worden.“ Doch gleich fasst sich Peter Rüegg wieder und wir erfahren, wie Verhöre zu DDR-Zeiten abliefen: „Geständnisse“ wurden mit psychologischem Druck erpresst. Der Häftling saß während des Verhörs auf einem Stuhl dem Mitarbeiter der Staatssicherheit gegenüber. Die Hände mussten unter die Oberschenkel gesteckt werden. Der Gefangene sollte keine Möglichkeit haben zu gestikulieren. Die Machtverhältnisse in diesen Räumen wurden so auf eindeutige Weise von Anfang an geklärt: Du bist nichts. Der Staat ist alles.

Aber nicht nur die Inhaftierten standen unter totaler Aufsicht. Auch die, die sie verhörten, wurden kontrolliert. Eigens dafür eingerichtete Abhöranlagen stellten sicher, dass sich niemand mit den Häftlingen solidarisierte. Peter Rüegg erinnert sich, wie er während des Verhörs aufgab und alles unterschrieb, als sie drohten, seiner Frau und seinem kleinen Kind draußen das Leben zur Hölle zu machen. Ob er das wolle, hatten sie ihn gefragt. Er war verletzt, seelisch zugrunde gerichtet. Worte wie Peitschenhiebe, so erinnert er sich. Er unterschrieb alles: Ein Satz wurde so zur „faschistischen Hetze“, eine Tasse Kaffee mit Kollegen zu einem „konspirativen Treffen“. Er war gebrochen.

Bevor wir das Gebäude verlassen, machen wir an dem letzten Verhörzimmer halt. Hier hängt noch immer ein Bild von Erich Honecker an der Wand. Belustigt stellt Peter Rüegg fest, dass Schulklassen, die er durch das Untersuchungsgefängnis führt, diesen Herren häufig für Konrad Adenauer oder Helmut Kohl halten. Aufklärung zur DDR-Geschichte scheint also dringend erforderlich. Die Gedenkstätte bietet mehr als das: Hier kann jeder Geschichte nah und direkt erfahren. Nicht zuletzt durch Zeitzeugen wie Peter Rüegg, deren Erinnerungen eindringlicher sind als alle Zahlen und Fakten eines Geschichtsbuches. Ein Besuch in Hohenschönhausen ist ein Erlebnis, das Spuren hinterlässt.
 
Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen
Genslerstraße 66
13055 Berlin
Telefon  030 / 98608230
www.stiftung-hsh.de

Öffentliche Rundgänge ohne Voranmeldung:
Montag bis Freitag zu jeder vollen Stunde zwischen 11 und 15 Uhr.
Samstag/Sonntag/Feiertage stündlich zwischen 10 und 16 Uhr.
Eintritt: 4 Euro, ermäßigt 2 Euro. Schüler frei. Montags Eintritt frei.

TBM stellt diesen Text Zeitungsverlagen kostenlos zur Verfügung (Belegexemplar erbeten an info@tbm-marketing.de). Da die Gedenkstätte in akuter Geldnot ist, würden wir uns sehr freuen, wenn Sie in einem Kasten diesen Text veröffentlichen:

Akute Geldnot

Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ist in akuter Geldnot. Ursache dafür ist nach Angaben ihres Direktors Hubertus Knabe die große Zahl von Schülern, die das ehemalige Stasi-Gefängnis in diesem Jahr besucht haben: „Wir freuen uns, dass so viele Schüler zu uns kommen. Aber die damit verbundenen Kosten übersteigen unsere finanziellen Möglichkeiten“. Er bitte deshalb jeden, dem die Aufklärung über das SED-Unrecht am Herzen liegt, um eine Spende auf das Spendenkonto der Gedenkstätte (Kt.-Nr. 730 014 193, BLZ 100 500 00). Nach Knabes Angaben besuchten im Juli 2009 mehr als 39 000 Menschen die Gedenkstätte. Das waren so viele wie noch nie zuvor. Der Zuwachs gegenüber dem Vorjahr habe 50 Prozent betragen. Ein Großteil der Besucher waren Schüler, die in der Gedenkstätte keinen Eintritt zahlen müssen. „Wir werden vom eigenen Erfolg bestraft,“ erklärte Knabe.

Über die Autorin:

TBM-Mitarbeiterin Dr. Carola Becker ist ausgebildete Journalistin und hat u.a. für die Hannoversche Allgemeine Zeitung, Die Zeit, Süddeutsche, Frankfurter Rundschau und den NDR geschrieben. Ihre Magisterarbeit und Promotion schrieb sie noch vor der Wende über die Opposition in der damaligen DDR. Lesebeispiel Die Zeit: „Kläglich versagt / Was die DDR-Forscher im Westen hinderte, die Wahrheit zu erkennen“ www.zeit.de/1991/22/Klaeglich-versagt. Kontakt: becker@tbm-marketing.de

Über TBM:

TBM wurde im Jahr 1995 gegründet und konzentriert seine Leistungen auf Marketing-Lösungen für Tageszeitungen. TBM verfügt über einzigartige Wissensstände. Kernkompetenz ist Vertriebsmarketing. Darüber hinaus bietet TBM Redaktionen und Anzeigenabteilungen vielfältige Services. Einzigartig ist das Marketingnetzwerk pro-TZ. Hier vereinen innovative Zeitungsverlage seit dem Jahr 2002 ihr Wissen mit TBM. Ganz besonders am Herzen liegt TBM das Schüler- und Eltern-Engagement der Zeitungsverlage. Auch hier unterstützt das Unternehmen mit Rat und Tat. Selbst verlegerisch aktiv ist TBM mit dem Mini-Buch „Rosa, die rasende Reporterin“, dem Elternratgeber „Zeitung lesen macht Schüler klug“ und der Comic-Serie www.heinrich-der-loewe.de. Kontakt: info@tbm-marketing.de.

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